Der Geburtstagsgruß, der nie ankam: eine DDR-Karte erzählt 1961
Eine Frau, eingeschlafen im Kerzenschein. Ein liebevoller Glückwunsch Geburtstagsgruß. Und ein Empfänger, den die Post nie erreichte. Diese DDR-Künstlerkarte „Versunken” von Gertrud Horn ist mehr als ein hübsches Motiv – sie ist ein lückenlos dokumentierter Krimi der Postgeschichte, abgestempelt am 2. Dezember 1961, nur Wochen nach dem Mauerbau.
Wir nehmen den Beleg auseinander – Vorderseite, Marke, Stempel und Retour-Vermerke. Am Ende weißt du, warum diese Karte gleich mehrere Sammlerherzen schneller schlagen lässt. Das nimmst du mit:
- Was die Rötelzeichnung „Versunken” so stimmungsvoll macht
- Wie Marke, Stempel und Verlagskennung die Karte exakt datieren
- Warum die violetten Retour-Stempel die komplette Reise verraten
- Wer der Empfänger Günther Cwojdrak war – und warum das zählt
Das Motiv: stille Melancholie im Kerzenschein
Die Vorderseite zeigt die einfühlsame Rötelzeichnung „Versunken” der Künstlerin Gertrud Horn. Keine laute Stadtansicht, sondern eine intime, fast literarische Szene – passend zum Empfänger, wie sich später zeigt.
Was du auf der Karte siehst
- Motiv: eine Frau, erschöpft über einem hölzernen Schreibtisch eingeschlafen, den Kopf seitlich auf den angewinkelten Arm gelegt
- Kerzenleuchter: rechts auf dem Tisch ein klassischer, flacher Leuchter mit kurzer Kerze
- Gewand: ein langes, fließendes Kleid mit weichen Faltenwürfen bis zu Stuhl und Boden
- Technik: warmer, rostroter Rötel- beziehungsweise Sanguine-Ton mit lockerer, ausdrucksstarker Schraffur
- Signatur: unten links eine kleine, stilisierte Künstlersignatur in gleicher roter Farbe
Gedruckt ist das Motiv auf cremefarbenem, strukturiertem Karton, eingefasst in einen feinen, rosa-braun getönten Rahmen. Das Ergebnis: eine leicht melancholische Szene im Stil künstlerischer Studienblätter des frühen 20. Jahrhunderts.
Der Verlag: DAgO-Verlag Berlin und die Kennung M 305 / Z 1495
Für Verlags- und Künstlersammler steckt der Wert oft im Detail. Genau hier liefert die Karte eindeutige Spuren – alle am unteren linken Rand der Rückseite.
- Künstlerin: Gertrud Horn
- Bildtitel: „Versunken” (Rötelzeichnung)
- Künstlervermerk (gedruckt): „Versunken, Rötelzeichnung von Gertrud Horn”
- Druck-/Kennnummer: M 305 / Z 1495
- Verlagsmarke (Stempel): DAgO-Verlag Berlin, mit Hinweis „Postamt Berlin N 113″
Der verblasste Verlagsstempel und die Kennung machen das Stück für gezielte DAgO-Sammlungen besonders interessant. Kurz gesagt: Diese Karte lässt sich klar zuordnen.
Hinweis: Alle Angaben werden nur so wiedergegeben, wie sie sichtbar sind.

Die Rückseite: ein Krimi aus Marke und Stempeln
Jetzt wird es spannend. Die Rückseite erlaubt nicht nur eine exakte Datierung, sondern dokumentiert auch eine komplette, gescheiterte Zustellung. Hier ist die „Reise” Stück für Stück.
Die Walter-Ulbricht-Marke und der Zittau-Stempel
Oben sitzt eine dunkelblaue 5-Pfennig-Dauermarke der DDR mit dem Linksprofil von Walter Ulbricht und der Umschrift „DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK”. Darüber legt sich der schwarze Rundstempel „ZITTAU 2″, datiert „-2.12.61-10″ – also 2. Dezember 1961, 10 Uhr. Damit ist der Startpunkt der Reise eindeutig fixiert.
Drucksache, Zurück und „Aufruf nicht ermittelt”
Danach häufen sich die Vermerke – und genau das macht den Reiz aus:
- Drucksache-Stempel (violett): verweist auf den günstigen Drucksachen-Tarif
- Zurück-Stempel (violett, fett): der amtliche Rücksendevermerk rechts neben der Marke
- Routing-Stempel (violett, senkrecht): „4. DP3 Aufruf nicht ermittelt” – Beleg für den erfolglosen Zustellversuch
- Handschriftlicher Vermerk (blau): „Letzte Anschrift nicht ermittelbar, Empf. verreist”
Diese dichte Lage aus datiertem Stempel, Ulbricht-Marke, Drucksachen-Tarif und Retour-Vermerken hebt die Karte aus der Masse. Der Glückwunsch erreichte den Empfänger nicht und wanderte zurück zum Absender – nachvollziehbar bis ins Detail.
Hinweis: Layout, Stempel und Beschriftung werden nur so beschrieben, wie sie erkennbar sind.
Absender und Empfänger: zwei ungewöhnliche Adressen
Auch die Beschriftung erzählt ihre eigene Geschichte. Oben links steht handschriftlich der Anlass: „Alles Gute fürs neue Lebensjahr.” Es war also ein Geburtstagsgruß.
Der Empfänger ist rechts notiert: „Dem Geburtstagskinde, Herrn Günther Cwojdrak, Abteilungsleiter, Schriftsteller, Berlin N 113, Carmen-Sylva-Str. 115, Demokratischer Sektor.” Teile sind rot beziehungsweise blau unterstrichen.
Der Absender steht in roter Druckschrift am linken Rand: Karl Jos. Th. Bannert, Sprachlehrer und Übersetzer („Teacher of all languages”), aus Zittau 2, Post Hartau in der Oberlausitz. Dazu ein Kontovermerk der Kreissparkasse Zittau und der Ländername in gleich mehreren Sprachen – unter anderem sorbisch, russisch, englisch, französisch und schwedisch. Diese mehrsprachige Gestaltung passt perfekt zu seinem Beruf.
Wer war Günther Cwojdrak?
Der Name im Adressfeld macht die Karte zu mehr als einem Motiv. Günther Cwojdrak wurde am 4. Dezember 1923 in Kiel geboren und starb am 23. Dezember 1991 in Berlin. Er war ein deutscher, in der DDR lebender Publizist, Essayist und Theaterkritiker.
Sein Spektrum reichte von Theaterkritik und Polemik über Aphorismen bis zur Kinder- und Jugendliteratur. Bekannt wurde er auch durch Anthologien aus Trivial- und historischer Gebrauchsliteratur, die er zusammenstellte und kommentierte.
- Rolle: Publizist, Essayist, Theaterkritiker und Herausgeber in der DDR
- Werke (Auswahl): „Wegweiser zur deutschen Literatur”, Nachwortarbeiten zu „Die Hundeblume. Geschichten”, Beiträge zu westlicher Literatur
- Umfeld: tätig im Kontext des Deutschen Schriftsteller-Verbands und der Redaktion „Neue Deutsche Literatur”
- Zitat: ihm zugeschrieben wird der Aphorismus „Testamente sind der letzte Wille zur Macht”
Eine pikante Pointe: Die Karte trägt das Datum 2. Dezember 1961 – zwei Tage vor Cwojdraks 38. Geburtstag am 4. Dezember. Der Gruß war perfekt getimt, kam aber trotzdem nie an.
Der historische Rahmen: 1961 zwischen Zittau und Berlin
Das Versanddatum verleiht dem Beleg zusätzliches Gewicht. Die Karte ging am 2. Dezember 1961 auf die Reise – nur wenige Monate nach dem Bau der Berliner Mauer im August desselben Jahres.
Der handschriftliche Zusatz „Demokratischer Sektor” bei der Berliner Adresse spiegelt die angespannte Lage unmittelbar wider. Zusammen mit der Ulbricht-Marke und der mehrsprachigen Absenderzeile entsteht ein lebendiges Zeitdokument der frühen DDR-Jahre.
Details auf einen Blick
- Motiv: „Versunken” – Rötelzeichnung von Gertrud Horn
- Künstlerin: Gertrud Horn
- Verlag: DAgO-Verlag Berlin
- Druck-/Kennnummer: M 305 / Z 1495
- Kartentyp: Künstler-Ansichtskarte (Rötel/Sanguine), gelaufen
- Postalischer Zustand: gelaufen, 2.12.1961 ab Zittau, als Drucksache
- Briefmarke: DDR 5 Pfennig, Walter-Ulbricht-Dauermarke, dunkelblau
- Stempel: Rundstempel „Zittau 2″, -2.12.61
- Besonderheit: „Zurück”-Stempel, „Aufruf nicht ermittelt”, „Empf. verreist”, DAgO-Verlagsmarke
- Anlass: Geburtstagsgruß („Alles Gute fürs neue Lebensjahr”)
- Region / Epoche: Zittau / Berlin, DDR – Dezember 1961
Für wen diese Karte ein Volltreffer ist
Der seltene Charme: Dieses eine Stück bedient gleich mehrere Sammelgebiete auf einmal.
- Künstler- und Motivkarten-Sammler (Rötel-/Sanguine-Zeichnungen, Gertrud Horn)
- DDR- und Ostalgie-Sammler sowie Freunde der Zeitgeschichte
- Postgeschichte-Sammler (Retour-Belege, Drucksache, Unzustellbarkeit, Routing-Vermerke)
- Briefmarken-Sammler (Walter-Ulbricht-Dauermarke der DDR)
- Verlagssammler (DAgO-Verlag Berlin)
- Freunde von Literatur- und Personengeschichte (Günther Cwojdrak, Zittau)
Zustand: ehrlich beschrieben
Verkauft wird ein echtes Vintage-Sammlerstück mit altersgemäßer Patina. So präsentiert sich die Karte:
- gelaufen mit Stempel, Anschrift und handschriftlicher Mitteilung
- aufgeklebte 5-Pfennig-Ulbricht-Marke, vom Rundstempel teilweise überlappt
- mehrere violette Retour-/Routing-Stempel sowie handschriftliche Unzustellbarkeitsvermerke
- gealtertes Kartonpapier in warmen Creme- und Beigetönen
- am oberen rechten Eck der Vorderseite leichte Abnutzung, Knickspur und kleiner Einriss erkennbar
- vereinzelt weitere leichte Alters- und Gebrauchsspuren – zeittypisch für Papier dieses Alters; die Schrift bleibt gut lesbar
- gut erkennbares, ausdrucksstarkes Rötel-Motiv auf der Vorderseite
Bitte beachten: Die beigefügten Fotos sind Bestandteil der Zustandsbeschreibung. Sie zeigen das Original, das du erhältst.
Fazit Geburtstagsgruß: ein stiller Beleg mit großer Geschichte
Diese Künstlerkarte vereint alles, was ein gutes Sammlerstück ausmacht: ein atmosphärisches Motiv, eine eindeutige Verlags- und Künstlerkennung und eine lückenlos dokumentierte Postgeschichte aus einer historisch dichten Zeit. Dass der Geburtstagsgruß den Schriftsteller Günther Cwojdrak nie erreichte, macht den Beleg nur noch reizvoller.
Gelaufene DDR-Künstlerkarten mit so viel nachvollziehbarer Provenienz tauchen nur selten auf. Sichere dir dieses Stück Zeitgeschichte – und schreib mir bei Fragen zu Motiv, Verlag, Marke oder den Retour-Vermerken gern eine kurze Nachricht.

