Mitgliederwerbung für Genossenschaften: Wenn alle neue Mitglieder wollen – aber niemand einen Plan hat
Ich war vor kurzem auf einer Veranstaltung, bei der es um das Kernthema unserer Arbeit ging: kooperatives Wirtschaften. Zwischen all den spannenden Berichten zur Gründung von Vereinen, eGs und gGmbHs kristallisierte sich bei mir ein Fazit heraus, das so einfach wie alarmierend ist: Alle Genossenschaften brauchen dringend neue Mitglieder. Aber kaum eine hat eine echte Strategie dafür.
Oft heißt das Allheilmittel: „Mitglieder werben Mitglieder“. Punkt. Das war’s. Natürlich werden Veranstaltungen besucht und es wird genetzwerkt, aber das geschieht oft eher zufällig und ist durch das Ehrenamt zeitlich stark begrenzt.
Dabei ist Mitgliederwerbung kein Zufallsprodukt. Sie ist eine betriebswirtschaftliche Aufgabe, die genauso ernst genommen werden muss wie das Controlling, der Vertrieb oder die Produktentwicklung. Wer keine Mitglieder gewinnt, verliert langfristig seine Existenzgrundlage.
In diesem Beitrag schauen wir uns an, warum es oft hakt und wie ein einfacher, aber wirkungsvoller Plan für deine eG aussehen kann.
Typische Fehler: Warum Mitgliederwerbung oft scheitert
Vielleicht kommt dir das bekannt vor: Die Genossenschaft macht tolle Arbeit, fördert wichtige Projekte und stärkt die Region – aber fast niemand außerhalb der eigenen Blase bekommt es mit. Das liegt meist an fünf klassischen Fehlern.
1. Keine klare Zielgruppe
„Alle, die uns irgendwie gut finden“ ist keine Strategie, sondern Wunschdenken. Wenn du versuchst, alle anzusprechen, fühlt sich am Ende niemand gemeint.
2. Unklare Außenwirkung
Eine veraltete Website, der letzte News-Eintrag von 2019 und kaum greifbare Beispiele dessen, was ihr eigentlich tut. Wer so auftritt, signalisiert Stillstand, nicht Aufbruch.
3. Kein Nutzenversprechen
Niemand kann in zwei einfachen Sätzen erklären, warum sich eine Mitgliedschaft eigentlich lohnt. Es fehlt das „Warum“ für den Außenstehenden.
4. Kommunikation nach innen statt nach außen
Man redet viel und leidenschaftlich – aber fast ausschließlich im eigenen Kreis (dem „Preaching to the choir“). Die Botschaft dringt nicht nach draußen.
5. „Wir warten, bis jemand fragt“
Die Haltung ist passiv statt aktiv, reaktiv statt gestaltend. Man wartet auf Interessenten, anstatt sie zu suchen.
Der Kern jeder Mitgliederwerbung: Klarer Nutzen
Bevor wir über schicke Kampagnen, Social Media oder Pressearbeit reden, muss deine eG ihre Hausaufgaben machen. Jede Genossenschaft braucht Antworten auf drei simple Fragen:
- Für wen sind wir eigentlich da?
- Welches Problem lösen wir für diese Menschen oder Unternehmen?
- Was bekommen Mitglieder ganz konkret, was sie außerhalb der eG nicht (oder nur teurer) bekommen?
Wenn diese Antworten stehen, lässt sich daraus ein einziger, knackiger Satz bauen. Diesen Satz sollte jedes Mitglied nachts um drei Uhr im Schlaf aufsagen können.
Beispiele:
- „Unsere eG bündelt IT-Ressourcen, damit kleine Unternehmen professionelle Infrastruktur zu fairen Preisen bekommen.“
- „Wir helfen regionalen Betrieben, gemeinsam Energiekosten zu senken und unabhängiger von Großkonzernen zu werden.“
Ohne diesen klaren Satz bleibt jede Werbung schwammig und wirkungslos.
Bausteine einer aktiven Genossenschaft Mitgliederwerbung
Sobald die Botschaft steht, muss sie unter die Leute. Dafür brauchst du kein riesiges Budget, sondern Konsistenz.
1. Sichtbare Außendarstellung
Deine Website ist dein Schaufenster. Sie muss aktuell und verständlich sein. Ganz wichtig: Eine klare „Mitglied werden“-Seite, die sofort auffindbar ist und Vorteile sowie Ansprechpartner nennt.
Ergänzend dazu kannst du Social Media Kanäle wie LinkedIn nutzen, um regelmäßige Einblicke in Projekte und Erfolge zu geben. Zeige nicht nur, was ihr vorhabt, sondern was schon läuft. Eine einfache Landingpage („So wirst du Mitglied – in drei Schritten“) senkt zudem die Hürde für Interessierte.
2. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Warte nicht darauf, entdeckt zu werden. Sprich lokale und regionale Medien aktiv an. Anlässe gibt es genug: Gründungen, besondere Projekte oder Kooperationen mit Städten und Schulen.
Bereite eine Standard-Pressemitteilung vor, die bei Bedarf nur noch angepasst werden muss. Das Ziel ist es, Relevanz zu zeigen und Vertrauen aufzubauen. Mittelfristig sammelst du so auch genug Material, damit ein Wikipedia-Eintrag überhaupt realistisch wird (dazu gleich mehr).
3. Empfehlungsmarketing mit System
„Mitglieder werben Mitglieder“ kann funktionieren – aber nur, wenn man es strukturiert. Gib deinen Mitgliedern Werkzeuge an die Hand:
- Kurze PDFs oder Onepager zum Weiterleiten.
- Eine Präsentation für Interessierte.
- Konkrete Anlässe wie Infoabende oder offene Stammtische nach dem Motto „Mitglied bringt Gast mit“.
Optional können auch kleine Anreize oder Anerkennungen für erfolgreiche Empfehlungen helfen, die Motivation hochzuhalten.
Digitale Hebel: Von Google bis Wikipedia
Im digitalen Raum gibt es einige „Low-Hanging-Fruits“, die oft vergessen werden.
- Google My Business / Unternehmensprofil: Sind eure Daten gepflegt? Gibt es aktuelle Bilder? Eine klare Beschreibung? Das ist oft der erste Kontaktpunkt in der Suche.
- Blogartikel: Fachbeiträge zeigen Kompetenz und dokumentieren eure Erfolge nachhaltig.
- Kooperationen: Gastartikel in Blogs oder Interviews in Podcasts, die eure Zielgruppe hört, sind Gold wert.
Ein Wort zu Wikipedia: Viele sehen einen Wikipedia-Artikel als Startpunkt für ihre Bekanntheit. Das ist falsch herum gedacht. Wikipedia ist das Ergebnis. Ohne unabhängige Berichterstattung (Presse) und belegbare Relevanz wird jeder Artikel sofort wieder gelöscht. Arbeitet erst an der Pressearbeit, dann kommt Wikipedia fast von allein.
Ein einfacher Mini-Plan für deine eG
Genug der Theorie. Wie fängst du an? Hier ist ein Fahrplan für die nächsten drei Monate.
Die nächsten 30 Tage: Aufräumen & Schärfen
- Nutzenversprechen schärfen: Formuliere die 2–3 Sätze, die jeder versteht.
- Website prüfen: Lege eine klare „Mitglied werden“-Seite an oder verbessere die bestehende.
- Google-Profil: Aktualisiere Daten und poste ein erstes kleines Update („Wir sind eine Genossenschaft und machen XY“).
Die nächsten 90 Tage: Sichtbar werden
- Mini-Kampagne planen: Entwickle ein Thema wie „3 gute Gründe, jetzt Mitglied zu werden“.
- Termine setzen: Lege 2–3 Termine (online oder offline) fest, zu denen Interessierte eingeladen werden.
- Pressearbeit: Versende eine Presseinformation zu einem konkreten Anlass (Projektstart, Jubiläum, etc.).
- Erfolgsgeschichten: Stelle erste Mitglieder-Storys auf der Website vor.
Kennzahlen: Erfolg messbar machen
Schau nicht nur auf das Bauchgefühl. Miss den Erfolg:
- Wie viele Anfragen gab es pro Quartal?
- Wie viele davon wurden Mitglied?
- Wie viele neue Mitglieder hat eine konkrete Aktion tatsächlich gebracht?
Fazit – und eine zugespitzte Frage
Genossenschaften haben eigentlich die besten Voraussetzungen für exzellente Mitgliederwerbung: Eine starke Story, gelebte Werte und ganz konkrete Vorteile für ihre Mitglieder. Oft fehlt nur der klare Plan, wie man diese Stärken sichtbar macht und systematisch neue Menschen ins Boot holt.
Zum Schluss eine etwas provokante Frage, die mir bei diesem Thema immer wieder durch den Kopf geht:
Wäre es eigentlich sinnvoll, eine Genossenschaft zu gründen, die nur Genossenschaften als Mitglieder hat – und deren Kernaufgabe ausschließlich darin besteht, Mitglieder für ihre Mitglieder zu gewinnen?


